Stipendium: Die Geister 1/0 die ich rief

Das NRW Corona Stipendium finanziert diese Arbeiten. Folgendes ist der Beginn der Dokumentation des eingereichten Projektes.

Erste Digitale Improvisation der Geister1/0 2021
Perfromer: Nikita Boldryew
LiveGlitch/Konzept: Severin Roth
Inhalt: niemand, bloßes Formexperiment / in Entwicklung

In der Sommerwerksatt für Digitales Objekttheater näherten wir uns erstmals den Digitalen Masken an. Ursprünglich waren AR-Fiter geplant, allerdings landeten wir schließlich bei Dynamic Projection Mapping, bei dem Visuelle Masken auf die weiß geschminkten Gesichter der Performer gemappt werden. Allerdings verfehlten wir unser Ziel sehr knapp (Bericht weiter unten). Da die Motion Graphic Designerin das Projekt vorzeitig verließ, lag die Arbeit für die Gruppe einige Zeit still. Ich versuchte die personelle Lücke zu füllen, was rein technisch auch gelang, sodass die projezierten Masken, die im Raum dynamisch gespielt werden können – rein technisch spielen könnten. Allerdings sind die räumlichen Verhältnisse zwischen der Kinect und dem Beamer in unserer Werkstatt für Hybrides an der Rü-Bühne nicht ideal, sodass die Masken nicht konstant präzise gemappt werden können, wodurch sich die Spielfläche immens verkleinert und die Bewegungsfreiheit stark in Raum und Tempo begrenzt wird. Möglicherweise ließe sich diese Ungenauigkeit, durch präzise Messungen und bessere Raumhöhenverhältnisse beheben. Allerdings besteht auch die Möglichkeit, dass die Kinect (obwohl V2) einfach zu ungenau ist (mit der 360 ist es noch schlimmer, vor allem, weil diese mehr Umgebungslicht braucht). Abgesehen davon, müssen die Masken dynamisch von einem „VisualPerformer“, wie von einem Objektspieler, reziprok zum Performer gespielt werden, wenn sie ihre Qualitäten behalten wollen (an anderer Stelle mehr dazu). Und dies ist einfach zu viel Arbeit für mich als Regisseur, neben allem anderen, was zu tun ist. Wir brauchen für den ursprünglichen Plan einen weiteren Performativen Visuellen Künstler. Vor allem in der Entwicklung. Am besten noch einen der zusätzlich Coden kann, damit wir die AR irgendwann wieder aufnehmen können, die wohl die Königsdisziplin im Digitalen Objekttheater darstellen wird.

Kurz: die Luft war beinah raus und vereinzelt bastelten wir vor uns hin.

In der Digitalen Theaterwerksatt der Kids, machten Selina und ich erste Versuche mit Hologrammen und anderen Arten des Wechselspiels zwischen bewegtem und geprocessten Bild und Perfromance – mit und ohne Objekte. In der momentanen allgemeinen Krise, beschloss ich am Silvesterabend ein etwas anderes Konzept für die Gruppe, die Bis dahin „Geister zwischen 1 und 0“ hieß und nun durch zusammenlegen mit einer anderen Gruppe, sowie der Erweiterung um andere Spielarten des Digitalen Theaters mit und ohne Objekte, einen leicht anderen Namen bekam. Die Geister 1/0. Die Aussprache ist nicht geklärt, sieht aber nett aus.

Und so kam es, dass das Projekt, das mir am meisten Kopfschmerzen bereitet hat, das erste im Jahr 2021 ist, das trotz Lockdown ein erstes Experiment wagen konnte. Gegen jede Abneigung doch als Stream. Allerdings ohne zu behaupten, dass es sich hierbei um Theater in seiner Eigentlichkeit handelt. Denn das gilt nach wie vor: solange der empfindsame, schöpferische Geist nicht ins Digitale transferiert werden kann, beschneidet jeder Versuch das zu ignorieren das Theater dort, wo es sich von allen anderen Disziplinen unterscheidet (vgl. Knistern zwischen dir und mir). Das ist keine Option, gerade, wenn man sich vorgenommen hat, in der eigenen Arbeit das Theater in einem ewigen Prozess so zu gestalten, dass es seiner Besonderheit nach dort stattfindet und wirkt, wo das Besondere sich entfalten kann. Ohne dabei Anthroposofisch, Jungianer oder Tschechow Anhänger zu werden. Also ein Theater, das die Dionysien nicht repräsentiert, sondern sie zeitgemäß variirt und tatsächlich in mitten der Menschen stattfinden lässt. An anderer Stelle im Laufe der nächsten Jahre mehr über Theorie und Scheitern dieses Ansatzes.

Wenn also das Theater gegenwärtig nicht zusammen mit dem (Welt-)Geist ins digitale übersetzt werden kann, muss man das Digitale eben aus den Glasfasern locken und die Screens zerschlagen, um es in Raum und Gleichzeitigkeit, als eben nich vermittelndes, stattfinden zu lassen. Die gemappten Digitalen Maske entsprangen genau dieser Idee. Und es ergaben sich noch mehr Ansätze, die teils auch gegenteilig zum Anspruch Potentiale zur Darstellung, Reflexion und Lust beinhalten, mit denen wir jetzt solange herumspielen, bis sich die leidige Subkjekt/Objekt Frage irgendwann löst.

Gestern wagten wir ein öffentlich gestreamtes Experiment mit der Verschmelzung eines Performers (Nikita!) mit dem bewegten Bild, vermittelt durch eine Kamera, welche wieder hinterher geprocesst wurde, während vor der Kamera der spielerische Einsatz von Licht, LED, Strobe und Schatten erheblichen Einfluss auf die Wesnhaftigkeit des Digitalen Geistes hatte. Während Nikita also mit Objekten und Licht vor der Kamera improvisierte, ohne hörbare, aber dafür sichtbare Sprache, spielte ich am Resolume (Videomixer) und bezog mich auf das Performative, wie das Musikalische, das wir aus einer File abfeuerten (Squarepusher, 1995). Neben anderen Entdeckungen, bekamen wir später den Eindruck eines vertonten Stummfilms, dem nur noch Texttafeln hinzugefügt werden müssten. Allerdings war der Performer beinah aufgelöst in Form und Farbe und wagte eine enge Verbindung mit den bewegten Bildern und überdies: konnte von mir in zweiter Instanz animiert werden. So gab es allerlei Wechselwirkungen zwischen uns beiden, der Musik und der Gewalt der Effektprozesse. Übrigens spielte Nikita mit Sicht auf eine Wandgroße Projektion seiner Geistergestalt im „Glitch-Universum“, wodurch immerwieder das Licht der Projektion, den Ursprung ihrer selbst beeinflusste. Anders als in einem Filmischen Zusammenhang, beleuchteten wir nicht mit allem, was geboten und verfügbar war, sondern entschieden uns für das dynamische Spiel mit Licht und Schatten, welches von Nikita selbst mit ausgeführt wurde und ihn ständig in seiner Erscheinung total veränderte. Besonders das Stroboskop und die Tischlampe, erzeugten beinah Schlingensiefsche Bilder, wie man sie aus „Die Letzten Tage im Füherbunker“ kennt. Würde man auf sauberes Keying umsteigen, ließe sich noch in besonderer Weise mit farbigem Licht arbeiten. In unserem Versuchsaufbau, erschien der Geist tatsächlich schwarz/weiß und beinah durchsichtig, was thematisch wohl eher die Richtung weist. Besonders spannend, war das beinah rein formale Spiel, ohne direkt erkennbaren Inhalt, aber in Bezug auf eine Auswahl an Objekten, die als Spielpartner dienten. Der Käfig und der Polizeiknüppel, sind durchaus sehr aktuelle Objekte.

Diese Variante des Digitalen Objekttheaters ist also einerseits ein optisches Auflösen im Bewegten Bild, ein Objektspiel durch den Videoperformer mit dem Spieler als animierte und autonome Figur, analoges Objektspiel durch den Perfromer selbst und in seinem Gesamtzusammenhang eine geisterhafte digitale Erscheinung, deren Projektionsfläche nicht zwingend räumlich getrennt sein muss. Schaufenster oder Wände, oder aber auch ein Mapping auf komplexere Geometrien, erlaubten das Transferieren in Raum und Gleichzeitigkeit. Besonders packend fand ich auch die Unhörbarkeit des gefangenen Geistes, dem ich als Figurenspieler auch noch Texte in den Mund legen könnte – oder der dazu verdammt ist, nie gehört zu werden und nie in die analoge Welt übergehen zu können. Über mögliche Korrespondenzen, visuell oder akustisch, mit dem Rezipienten haben wir noch nicht nachgedacht. Kommt noch. Über Likes freuen wir uns trotzdem.

Sollte ein Leser zufällig MotiongraphicDesign, Videoperformance oder Vergleichbares zu seinem Lebenszweck gemaht haben, würden wir uns zumindest über einen Austausch freuen, ggf auch mehr. Allerdings: die Bereitschaft zum improvisierten Perfromen mit der Gruppe muss bestehen. Die Bildgebung ist nicht isoliert.

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