Digitales Objekttheater #1

In „Ein Zweifelhaftes“ wenden wir uns der Individuation zu. Wir zerlegen das, was den meisten von uns als „Ich“ erscheint, in die Bestandteile, die am Ende doch nichts als allgemeine Angebote darstellen, die eine wahrhafte Individualität verhindern. Wir beginnen mit dem ersten schöpferischen Akt des Kindes, nämlich dem Erwecken von einem Kuscheltier. Der Moment, in dem das Kind sich selbst beginnt zu erschaffen, den Ödipuskomplex erlebt und infantil narzistisch beginnt, die Außenwelt zu unterwerfen. Wir berichten von Versuchen, sich im späteren Verlauf am Objekt der Begierde zu erkennen und festzuhalten, und vom Abgrund, der dann uns zu verschlucken droht, wenn wir wieder alleine sind und nicht nur die Liebe, sondern auch uns verloren haben. Am Ende unternehmen wir den Versuch, ein Ritual zu feiern, welches uns aus dem flüchtigen Dazwischen, in ein neues, individuelles, sich selbst ermächtigtes Subjekt überführt. Kurz: es geht um die gewollte, potentiell gewalttätige Scheidung von Subjekt und Objekt.

In meinem neuen Projekt, geht es genau um das Gegenteil: die schöpferische Verschmelzung von Subjekt und Objekt, die scheinbar etwas drittes, poetisches hervorbringt, welches sich als Kunst erfahren lässt. Es geht hier im weitesten Sinne um Objekt-Theater, welchem ich vorsichtig das Maskenspiel anhefte. Konkreter geht es um Digitales Objekttheater und Digital Puppetry.

Ausgangspunkt waren die bekannten Face-Filter von Instagram, die sich als digitale Maske verstehen lassen. Das Besondere an diesen ist, dass sie, vermutlich anders als analoge Masken, eine eigene innere Logik besitzen, die, sobald eine Künstliche Intelligenz dahinter geschaltet ist, beinah willentlich auf den Spieler zurückwirkt und so eine völlig neue Qualität des Maskenspiels, der Metamorphose hervorbringt. Der Spieler spielt die Maske, wie die Maske den Spieler spielt. Hier stellt sich die Definitionsfrage von Subjekt und Objekt, da scheinbar beide den jeweils anderen beleben, während wir im analogen Spiel meistens davon ausgehen konnten, dass die Rollen klar verteilt sind und das Objekt höchstens auf einer geistigen Ebene ein eigenes Wesen besitzt, welches sich jedoch nicht beweisen lässt. Denn wie Wesenhaft die Dinge sind, oder ob sie der Konstruktion des Menschen entspringen, oder ob sie zwar existieren, aber nicht vom Menschen durchdrungen werden können, da alles vermittelt und interpretiert ist, lässt sich bisher nicht final beweisen. Die Frage ist auch, ob dieser Beweis einem Spiel, oder der Übertragung ins Digitale vorausgehen muss, damit das jeweilige gelingt.

Ich möchte beinah behaupten, dass dies nicht der Fall ist, denn der Zauber des belebten Objektes lässt sich auch so erfahren und beobachten. Allerdings ist es verlockend hierüber näher nachzudenken, gerade wenn es darum geht, im digitalen Feld eine Verschmelzung von Mensch und Maschine anzustreben. Und diese Bestrebung ist zumindest schon aufdringlicher Bestandteil von Sience-Fiction und sicher auch einer gewissen zukunftsorientierten Szene. Besonders interessant wird die Frage, wenn man sich beispielsweise den Cyborgfeminismus von Donna Hatherway anschaut, in dem es die These gibt, dass im Moment der Übertragung des Geistes in ein digitales oder maschinelles, die Dualismen, die zu Rassimus, Sexismus und der Gleichen führen, überwunden werden könnten. Auch in der Bewertung von Gesellschaftsordnungen, die bisher als primitiv galten, ferner in der Selbstreflexion des Westens, ist die Frage nach Subjekt und Objekttrennung, Körper und Geist Dualismus interessant.

Und nicht zuletzt: da Theater, egal welcher Spielart, die wohl dem Menschen am nächsten stehende, und selbstreflexivste Kunst ist, ist es von Bedeutung, dass in der Theaterwissenschaft ein Entwurf von Menschenbild gefasst wird, der dem Theater seine Funktion und Berechtigung, oder gar Notwendigkeit verleiht. Denn es macht einen Unterschied, ob wir auf der Bühne von Dualismen oder von Entitäten ausgehen. Von der Sprache bis zur Gebärde, bis hin zum Inhalt oder der Organisation baut alles auf der Frage auf, was der Mensch sei, sein könnte und wie er sich organisiert. Außerdem gilt die starke Vermutung, dass Theater eine gesellschaftliche Funktion einnimmt, die über das bloße Entertainment hinaus geht. Welche das ist scheint unsere Generation noch zu verhandeln.

Zurück zum Dualismus. Nirgends wird die Frage nach der Trennung von Subjekt und Objekt so wehement in den Raum gestellt, wie im Objekttheater. Was geschieht hier? Nehmen wir an, der Mensch teilte sich in Anima und Körper. Wie bei beinah allen meiner Betrachtungen gehe ich auch hier von Freud aus, der anschaulich darlegt, wie historische Kulturen die seelische und physische Notwendigkeit die Natur Untertan zu machen, den „Primitiven“ dazu bringt, narzistisch von sich ausgehend, die selben Strukturen und Mechanismen, die er in sich erfährt auf die Objekte überträgt. Freud setzt diesen Prozess gleich mit der infantilen Narzistischen Phase des Kleinkindes. Solange das Objekt sich nicht aufdrängt (besser: durchdrungen wird) übernimmt das Subjekt die Kontrolle über dieses – zumindest versucht es dies durch die naheliegendste Annahme: wenn Ich so funktioniere, warum dann nicht auch die Dinge oder Tiere. Hieraus ergibt sich also der Animismus, dessen Anliegen es ist, psychologisch der Welt habhaft zu werden und das innerlich Bekannte ins Außen zu projizieren. In der Folge entwickeln sich allerlei Beschwörungen, Magien und entsprechende Wesen, die in den Dingen verortet werden. Durch das Verhalten zu und richten von Worten und Handlungen an die Wesen, will der „Primitive“ die Notwendigkeit der Naturbehrrschung realisieren. Natürlich spielen hier Abbilder (Masken, Figuren) oder Artefakte eine Rolle, auf die sich teils die Magie richtet, wenn gerade kein sichtbares Objekt in der Welt der Adressat sein kann.

Und, verkürzt, so entsteht also das Objekttheater. Es scheint, als sei das Theater grundsätzlich auf derartige archaische Ur-Performances zurückzuführen. Auf Ur-Bedürfnisse und Ur-Fähigkeiten des Menschen, die irgendwie mit der Beseelung zu tun haben.

Nun ergibt sich eine Frage: Da wir heute noch den Zauber des Spiels erleben können und es noch immer Kulturen gibt, die auf ähnliche Weise ihr Verhältnis zur Welt aushandeln, und auch die westliche Philosophie sich zumindest in der Postmodernen der Dualität zu entledigen versucht, während die Neurologie sich der möglichen Erkenntnis annähert, dass die Trennung von Geist und Körper evtl. nicht aufrechtzuerhalten sei, gleichzeitig der Westen sich in Frage stellt und andere Beziehungen zwischen Subjekt und Objekt zumindest denkt, darüber hinaus die Technik die Grundlage dafür schafft, dass der Körper eines Tages überwunden werden könnte, übergehend in ein virtuelles, was theoretisch unendliche Varianten kennt – wie kann weiter davon ausgegangen werden, dass die Binäre Ontologie mit Sicherheit objektiv und wahr ist?

Aus der Physik hat man gehört, dass es eine völlig andere Gesetzmäßigkeit unterhalb der atomaren Ebene zu geben scheint, die allerdings widersprüchlich zu der drüber liegenden sich verhält. Während ein Quantum drei Zustände einnehmen kann, so bleibt es auf Dinglicher Ebene bei 1 und 0. Warum sollte dann beispielsweise es sich mit dem Subjekt und Objekt nicht ähnlich verhalten? Warum sollte nicht der Geist Zustände einnehmen können, die seinem Wirt, dem Körper, der Biologie widersprechen? Schauen wir uns die Geschlechterfrage an, liegt die Vermutung nah, dass der Geist zumindest so tun kann als ob. Den endgültigen Beweis wird man nur schwer aus der Subjektivität herauslösen können.

Oder andere Frage: Wieso sollte das konstruierte und zusammengehaltene Ich nicht etwas sein, dessen Gegenentwurf sich durch Variabilität auszeichnet und eben mehr Zustände kennt, als die, die biologisch erklärbar sind. Ein Phänomen des Theaters ist, ich deutete es an, das der Mensch in der Lage ist, sich mit einem Objekt zu verschmelzen, oder andere Seelen neben der eigenen in sich zu beherbergen und ihnen Körper zu geben. Wie könnte so ein Prozess möglich sein, wenn Subjekt und Objekt nicht ein Potential zur Einheit hätten? Wie sollte man beantworten, dass dies nicht der Idealzustand ist?

Diesen Fragen wollen wir uns in der Arbeitsgruppe (noch ohne Namen) bestehend aus 2 Performer*innen (Selina Koenen und Nikita Boldryev), Dini Dynamit als Informatikerin und Desginerin und mir, widmen. Was dies technisch für uns zunächst bedeutet, erfasst der folgende Post, in dem ich meinen Vortrag für das Animismus Seminar bei Mareike Gaubitz (FIDENA) veröffentliche. Es bleibt spannend.

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